Nachhaltige Mobilität – (k)ein Thema des Mobilitätskonzepts!?


von A. Jungmann

Das vom Baden-Württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) moderierte Mobilitätskonzept für den Raum Walldorf/Wiesloch ist unterzeichnet.

"Unter dem Leitbild einer nachhaltigen Mobilität haben die beteiligten Partner nach Lösungsansätzen für eine zukunftsfähige Verkehrsabwicklung als auch neue Ansätze im Raum Walldorf/Wiesloch gesucht."

Bezeichnend ist, was in dem Papier keine Erwähnung findet bzw. wer an dessen Erstellung nicht beteiligt war.

Nicht zu finden ist der Hinweis, dass der im November 2016 verabschiedete Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung eine Minderung der CO2-Emissionen im Verkehrssektor um 40-42 Prozent bis zum Jahr 2030 gegenüber dem Basisjahr 1990 fordert. Nicht zu finden ist, dass der Straßenverkehr fast 30 Prozent der jährlichen energiebedingten CO2-Emissionen im Land verursacht und nach Berechnungen des Statistischen Landesamtes die vom Verkehr im Jahr 2015 emittierte CO2-Fracht um fast zehn Prozent über dem Wert von 1990 liegt (Ministerium für Verkehr Az.: 5-3800.0-03/114 Arbeitsgruppe "Nachhaltige Mobilität" Empfehlung an den Beirat der Landesregierung für nachhaltige Entwicklung zum Thema Klimaschutz). Nicht zu finden sind die Wörter Verkehrswende, energieeffiziente Mobilität oder auch Dienstwagenprivileg. Nicht zu finden sind meßbare oder gar verbindliche Ziele. Nicht beteiligt waren z. B. Vertreter von VCD und ADFC oder von Bund und Nabu. Der wesentliche und am genauesten ausgearbeitete Bestandteil des Mobilitätskonzepts besteht, wen wundert es, im "nachhaltigen" Ausbau (A5, B3, L 723, Knoten B 3/L 723) der Infrastruktur zugunsten des motorisierten Individualverkehrs (MIV).

Einmal mehr setzt man, aller empirischen Erfahrungen zum Trotz, auf die untaugliche Maßnahme das Phänomen des Staus "wegzubauen". Die zukunftsfähige Verkehrsabwicklung im Raum Walldorf/Wiesloch soll also hauptsächlich durch mehr und besser ausgebaute Straßen, garniert mit etwas vernetztem ÖPNV, Rad- und Fußverkehr erfolgen. Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Der motorisierte Individualverkehr soll, koste es was es wolle,
Hauptverkehrsträger bleiben.

"Umweltschädliche Verhaltensweisen und Verfahren sollen durch umweltfreundliche praktikable Alternativen ersetzt werden", so steht es im Leitbild der Stadt Wiesloch für eine nachhaltige Entwicklung.
Es ist wenig überzeugend einerseits festzustellen, dass "der Autoverkehr an seinen Grenzen angekommen ist und deshalb die Nutzung des Autos optimiert und das Fahrzeugaufkommen zurückgeführt wird", andererseits der exzessiven Nutzung durch Privilegien und dem weiteren Ausbau der Infrastruktur den Weg zu bereiten.

Für Oberbürgermeister Elkemann offensichtlich kein Problem.

Das wenig ambitionierte integrierte Klimaschutzkonzept der Stadt Walldorf strebt eine, wohl aus gutem Grund, sehr langfristig (bis zum Jahr 2100 !) angelegte 2000 Watt-Gesellschaft an. Die unangenehme Reduktionsleistung mutet man dann doch lieber den Kindern und Enkelkindern zu. Müsste man doch andernfalls die eigene energieintensive Mobilität kritisch hinterfragt. Ein Tabuthema. "Aktuell liegen wir in Walldorf, bedingt durch den großen Anteil an überregionalem Verkehr bei 6.550 Watt. Das Ziel …… erfordert aber bereits heute deutliche (sic!) Anstrengungen in allen Bereichen und von allen Akteuren." Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass Bürgermeisterin Staab meint, man müsse in Walldorf "so viel Parkraum wie möglich" schaffen (Bürgermeisterin Christiane Staab zieht Bilanz für 2018, RNZ online vom 27 12 18).

Zahlreiche, schon heute im In- und Ausland funktionierende Konzepte (siehe Links unten) den Umweltverbund zu stärken und parallel dazu das Fahrzeugaufkommen des MIV durch Push- und Pull-Maßnahmen zu reduzieren, werden im Mobilitätskonzept nicht berücksichtigt. Diesen Konzepten ist gemeinsam, dass sie explizit auf Straßenaus- und neubau zugunsten des MIV verzichten. Ohne lenkende und meßbare ordnungspolitische Vorgaben zulasten des MIV und zugunsten des Umweltverbundes, ist, im Sinne einer ökologisch und sozial zukunftsfähigen Verkehrsabwicklung, das Mobilitätskonzept schon jetzt gescheitert und lediglich unter der Rubrik "Wasch mir den Pelz, aber mach
mich nicht nass" einzuordnen. Mit symbolischer Vernunft gestaltet man keine vernünftige (Verkehrs-)Politik.

  • 16 gute Gründe für Parkraummanagement [push-pull-parking.eu]
  • Studie – Mobiles Baden-Württemberg [bwstiftung.de]
  • Die Verkehrswende. Eine hauptsächlich kommunale Aufgabe [zukunft-mobilitaet.net]
  • Determinanten der Verkehrsentstehung [umweltbundesamt.de]
  • Parkraumbewirtschaftung – Nutzen und Effekte [vm.baden-wuerttemberg.de]

| Leserbeitrag von: A. Jungmann |

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